Der Vorleser

Bernhard Schlink
Bühnenfassung von Mirjam Neidhart

Michael Berg hat ein halbes Leben hinter sich, als er beschließt, die Geschichte aufzuschreiben, die ihn für immer prägte – um sie der Welt mitzuteilen, sie zu verarbeiten, aber auch „um sie loszuwerden“: Mit fünfzehn leidet er an Gelbsucht. Als er sich auf dem Heimweg bei strömendem Regen in einem Hauseingang übergibt, kommt ihm eine unbekannte Frau zu Hilfe und bringt ihn nach Hause. Um sich bei ihr zu bedanken, besucht Michael die einundzwanzig Jahre ältere Hanna nach seiner Genesung. Eine ungleiche Beziehung beginnt, von der niemand erfährt. Es sind Michaels erste erotische Erfahrungen, seine erste Liebe. Die beiden entwickeln ein Ritual, zu dem neben einem gemeinsamen Bad bald auch gehört, dass Michael Hanna vorliest. Und doch erlebt er mit ihr immer wieder schmerzhafte Momente, die er selbst nicht versteht. Eines Tages ist sie plötzlich verschwunden. Erst Jahre später sieht Michael, der inzwischen Jura studiert, Hanna im Gerichtssaal wieder: als Angeklagte in einem Auschwitz-Prozess. Seine Liebe und die persönlichen Schuldgefühle verstricken sich nun mit einer kollektiven Schuld.
Bernhard Schlinks 1995 veröffentlichter Roman „Der Vorleser“ wurde in über 50 Sprachen übersetzt, 2008 verfilmt und weltweit ein Bestseller. Lakonisch und zugleich einfühlsam reflektiert er mit seinen fein gezeichneten Figuren über Liebe und Schuld im Angesicht der Verbrechen des Holocausts, über die Unzulänglichkeit der Rechtsprechung. Nun kommt der Stoff auf die Bühne, in der Fassung der Regisseurin Mirjam Neidhart, die die Mechanismen von Michaels Erinnern untersucht und uns an den großen Fragen nach kollektiver Schuld und menschlichem Verhalten teilhaben lässt.