Der Besuch der alten Dame

Friedrich Dürrenmatt

Der Besuch der alten Dame
Es ist nicht lange her, da hielten am Güllener Bahnhof noch Züge "von Weltbedeutung." Heute ist die kleine Stadt mit dem sprechenden Namen wirtschaftlich und politisch ruiniert. Die Kassen sind leer, kein Mensch zahlt Steuern. Da kehrt die Multimilliardärin Claire Zachanassian, einst als Klara Wäscher im Ort geboren und aufgewachsen, in ihre Heimatstadt zurück. Was die Güllener nicht ahnen: Mit der Zachanassian kommt nicht nur der Wohlstand, sondern auch die vergessen geglaubte Vergangenheit zurück in die Stadt. Noch am selben Abend verspricht sie eine Spende in Höhe von einer Milliarde - wenn jemand Alfred Ill, den zukünftigen Bürgermeister der Stadt, tötet, der die Zachanassian einst für eine bessere Partie schwanger sitzen gelassen, vor Gericht erniedrigt und verraten hatte. Nun will sie "Gerechtigkeit, Gerechtigkeit für eine Milliarde." Unter tosendem Beifall lehnen die Güllener das Angebot ab. Doch schon am nächsten Tag kauft man die besseren Zigaretten, die fettere Milch, neue Schuhe gar. Niemand rechnet damit, dass jemand den Mord begeht, aber alle rechnen mit der Milliarde. Der Einzige, der das sofort durchschaut, ist Alfred Ill ...
Friedrich Dürrenmatts "tragische Komödie" wurde 1956 in Zürich uraufgeführt und bildete für den Autor den Durchbruch zu weltweitem Erfolg. Das Stück ist eine Parabel über Opportunismus und die Korrumpierbarkeit einer Gemeinschaft durch Geld, es erzählt aber auch von Liebe. Denn an Claire Zachanassian mag dank ihrer Prothesen vieles künstlich sein - ihr Schmerz ist echt.